Later Bitches

Ibiza

Ibiza und ich… das ist eine inzwischen 20 Jahre andauernde Affäre. Da war schon immer viel Feuer drin aber wir hatten zwischendurch auch mal schlechten Sex. Ich liebe diese Insel aber sie kann einen auch bescheissen. Deshalb diese längst überfällige, persönliche Bestandsaufnahme. Flug. Unterkunft. Strände. Essen. Clubs. Kein Reiseführer aber eine bewusst subjektive Inselkolumne. Damit hinterher niemand sagen kann, er hätte von nichts gewusst, wenn er nach zwei Wochen Disco- und Strandmarathon seinen Kontostand in Torero-rot wieder findet und sich wundert, wie man im Rausch 40 Euro für eine überbewertete Fabrikhalle mit Kindergartendeko und Kriegstreiber-Techno ausgeben konnte.

Es waren wieder 16 wunderbare Tage dieses Jahr. Außer der Flug. Der dauert aus Deutschland nur 2 Stunden und ist entsprechend unbequem und billig. In meinem Fall ab Franz-Josef-Strauß, München. MUC-IBZ direkt mit Lufthansa, Eurowings oder Condor. Ich suche grundsätzlich immer zuerst auf den Homepages der Airlines weil ich es bis heute noch kein einziges Mal erlebt habe, dass irgendeine Billigflug-Webseite bessere Preise macht. Und wer ganz doll auf die Kohle kucken muss, nimmt einen der ungeliebten Frühflüge. Wir sind mit der Sonntagmorgen-Maschine von Condor hin. Ok, man steht um 5:50 Uhr mit 200 anderen Zombies im Neonlicht am Gepäck Drop-Off, aber für 150€ pro Person (hin UND zurück) nimmt man das schon mal mit. Dafür ist man nach der Landung der Erste am Strand und freut sich über das Balearenwetter . Und der Himmel morgens ist der klarste überhaupt.

Unterkunft. Wir haben uns in ein Apartment, die Casa Sa Penya im alten Hafenviertel unterhalb der Stadtmauern eingebucht. Knapp 100 Quadratmeter marokkanisches Allerlei im ersten Stock eines 200 Jahre alten Hauses, mit Blick auf die Yachten (Wohnzimmerfenster) und eine der ältesten Restaurant-Meilen der Stadt (Küchenfenster). In der absoluten Hauptsaison, also im Juli und August, kostet das Schmuckstück 200€ pro Nacht, aber es haben auch 4 Leute Platz, also ein Fuffi pro Nase. Da kann kein Hotel in dieser Lage und mit der Ausstattung mithalten. 2 Schlafzimmer, 2 Bäder mit freistehender und pornoesquer Phillip Stark Badewanne, voll ausgestattete Küche, kleiner Balkon. Flatscreen mit fast allen deutschen Programmen, kostenloses W-Lan (geht allerdings nach 1Gig Datentransfer in die Knie) und einer unschlagbaren Nachbarin. Mama Pomelo. Die Frau macht die beste Paella der Insel. Mit einem Organ, welches selbst den Trommelwirbel in einem Richie Hawtin Set um Längen schlägt. Solltet ihr buchen, grüßt auf Deutsch. Patrick aus Augsburg schmeißt den Laden das ganze Jahr über und ist ein wunderbarer Gastgeber. Ach ja: mietet euch für diese Art der Homebase einen Roller, kein Auto. Rund um die Altstadt gibt’s kaum Parklätze. Ein Roller steht fast überall gut. Und er ist so viel schneller im spanischen Feierabendverkehr.

Warum keine Hotels? Ist nicht mein Ding und darüber hinaus sowas wie ein persönlicher Rachefeldzug gegen die Ausbeutung von Local-Heroes durch internationale Großkotzketten und Massentouristenhaltung. Es kommen auch noch ein paar ganz profane, ibizaeigene Gründe hinzu. Wenn Hotels ausnahmsweise mal schön und vor allem alleinstehend liegen, sind sie in der Regel weit draußen. Keine gute Idee, vor allem nicht, wenn ihr oft ausgehen wollt. Die immensen Taxikosten sind es nicht wert. Ausnahme ist der Playa d’en Bossa, aber wenn ihr da aus dem Fenster schaut, ist der Ballermann näher als auf Malle. Ausnahmen sind das Ushuaia und das Hardrock Hotel. Beide unverschämt teuer. Für die Kohle lieber 10 Mal gut essen gehen und den netten Caipi-Verkäufern am Strand 1, 2 Euro extra zustecken.

Fincas. Das Angebot ist riesig und auf den Hochglanz-Portalen ziemlich schmuck. Einige liegen toll und sind absolut empfehlenswert, andere wiederum so, dass kein Taxifahrer hin findet. Das kann ein Problem werden. Wenn schon vorab alle trinken und keiner mehr fahren kann/will/darf, wartet man gut und gerne mal eine Stunde auf ein Ibiza-Cab. Oder der Abholer kommt erst gar nicht bei euch an weil verfahren. Oder man läuft den Berg (im schlimmsten Fall als Frau auf hohen Absätzen) bis zur nächsten Hauptstrasse runter um Taxi-Lotto zu spielen. Alles schon passiert. Hinzu kommt, dass Fincas meist erst bezahlbar werden wenn sich 8, 10 oder 12 Mitbewohner finden. Und wehe, es sagt einer kurz vor dem Urlaub ab und die anderen müssen das Minus in der Urlaubskasse ausgleichen… kann unschön enden.

Strände sind im Süden teuer und im Norden günstig. Ich kenne den Norden der Insel leider zu wenig um eine halbwegs objektive Aussage treffen zu können, aber der Süden ist zum feiern, verlieben und sich verlieren. Und dafür fliegen die meisten schließlich hierher. Der Cala Jondal mit seinen Superhotspots „Blue Marlin“ und „Tropicana“ macht richtig was her, haut aber auch richtig rein. Ich habe bei Check24 nie offiziell angefragt glaube aber, das Blue Marlin gehört zu den teuersten Strandbuden Europas. Playboys mit Yacht balzen um Laufstegbeauties mit zweihundert Gramm links und rechts. Am Testosteron-Sonntag, dem umsatzstärksten der Woche, verkauft der Laden seinen 25.000€ Champagner im zweistelligen Bereich. Weder mein Budget noch meine Welt. Trotzdem. Sollte man mal gesehen haben. Das Line-Up hat Stil und die Fete kostet keinen Eintritt. Wer allerdings nach 19 Uhr kommt, wartet. Ab dann wächst die Schlange an der Tür. Und wer selber fährt, sollte die Finger von Alkohol und Drogen lassen. Es gibt nur eine Zufahrtsstraße in die Bucht und die kennt die Polizei auch.

"...der Süden ist zum feiern, verlieben und sich verlieren. Und dafür fliegen die meisten schließlich hierher."

Ich persönlich bin ein „Sa Trinxa” Stammgast. Ein uralte Strandbude am hinterletzten Eck von Las Salinas, südwestlich vom Flughafen. Der Sound ist unübertroffen, die DJs passen ihre Tracks dem Sonnenstand an. Die Leute hier sind wie die Insel: laut und sexy. Es duftet nach gegrilltem Fisch und Gras. Die Preise sind seit Ewigkeiten stabil und fair. Das Wasser ist glasklar und funkelt in allen Farben (auch ohne Gras). Manchmal gibts Live-Musik und manchmal bleibt man einfach bis es dunkel wird. Großes Plus hier: über die Steine führt ein alter Steg ins Wasser. Und da die umliegenden Hügel recht niedrig sind, hat man bis nach 9 noch Sonne.

Be-badet und für gut befunden haben wir außerdem die Strände „Es Cavallet“ wegen des Beachvolleyball Netzes, den Soul Beach wegen der Exklusivität (nur 10 Strandbetten & viel Platz) und des „Hunde? JA!“ Schildes an der Zufahrt (ist leider die Ausnahme in Spanien), Es Cubells wegen der beinahe beängstigenden Ruhe, Cala D’Hort wegen des fantastischen Blicks auf die Vedra (der „magische“ Felsen) und Es Torrent, wegen des frischen Fisches (genug Bargeld mitnehmen, kann teuer werden und sie akzeptieren keine Kreditkarten).

Dinner. Spanier essen anders als wir das tun. Später. Länger. Besser. Ok, letzteres ist eine Frage des Geschmacks, aber das Schöne daran ist: Hier kommt eigentlich jeder auf den Geschmack. Ich habe in den letzten Jahren fast alle Restaurants in der Altstadt und im früheren Hafenviertel angesteuert und wurde selten enttäuscht. Die beste Paella esst ihr bei Mama Pomelo, am Ende der Calle de la Mare de Déu, formally known as „Jungfrauenstrasse“, direkt gegenüber der höchsten Schwulenbar-Dichte auf der ganzen Insel. Ihr werdet es lieben. Mama ist einmalig, ihr Essen fantastisch und das Schaulaufen gegenüber ein Feuerwerk. Besonders Mittwochabends, wenn kurz vor Mitternacht das „La Troya“ Promotion Team Halt macht und bei ihr einen Kurzen kippt. Übrigens die perfekte Gelegenheit um sich auf die Gästeliste setzen zu lassen. Einfach höflich anfragen. Mama regelt das.

Die beste Pizza macht das Team der „Trattoria La Tana“ an der Carrer des Passadis und unsere liebste Tapas Bar ist das „La Bodega“, links unterhalb des Aufgangs zu den Festungsmauern der Dalt Villa. In den heissen Monaten mindestens 3 Tage vorher reservieren und am besten einen Platz im Freien anfragen. Sonst sitzt Ihr eine Stunde auf dem Bordstein gegenüber und wartet.

Ausgehen… könnt Ihr hier wie Nirgendwo sonst auf der Welt. Ibiza ist das Zentrum elektronischer Tanzmusik und jeden Sommer ein Gradmesser für neue Sounds. Was hier durchgeht, wird global adaptiert. Und wer es in die DJ Kanzel schafft, reißt in der Regel schon bald die Weltherrschaft an sich. Also lasst die Puppen tanzen wenn ihr schon mal da seid. Und plant euer Budget wenn Ihr nicht gerade unbegrenzt Kohle zur Verfügung habt. Denn Ausgehen auf Ibiza ist verdammt teuer. Aber auch hier gilt: es müssen nicht die fettesten Acts und die dicksten Clubs sein. Guetta, Cox, Schulz oder Aoki haben zwar den Promi Bonus, stehen aber nicht zwingend für den besten Sound. Was diese Jungs liefern, kennt ihr schon. Also lasst euch überraschen und gebt auch denen ohne Hits eine Chance. Die haben nicht umsonst ihre eigenen Nächte hier und liefern oft deutlich bessere Qualität. Ein Rundumschlag zu den wichtigsten Läden:

Das Ushuaia am Playa d’en Bossa … ist vor allem groß und oben offen. Fast alle Global-Player spielen hier während der Hauptsaison einen Abend pro Woche. 6tausend Menschen stehen UM und IM Pool vor einer Bühne, die es durchaus mit einem U2 Setting aufnehmen kann. Da es sich um eine Open-Air-Fete handelt (und die kennt selbst auf Ibiza ne Sperrstunde), ist um Mitternacht Schicht. Ich würde die „Ants“ Party am Samstag mitnehmen und danach weiter ziehen.

Pacha. Der Klassiker und ein Muss. Beste Deko. Beste Tänzerinnen. Vielleicht sogar bester Sound. Das Pacha liefert konstant Leistung für’s Geld. Kann man nix falsch machen. Egal, wer auflegt. Freunde haben den französischen Abend mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ versehen. Martin Solveig war am Drücker und soll ein fantastisches Set gespielt haben. Ich selbst war zumindest in dieser Nacht woanders. Im Bett nämlich. Kann ja mal vorkommen.

Amnesia. ich bin kein Fan von Großraum-Dissen (außer ich bespiele sie selbst… von Oben sieht alles toll aus). Das Amnesia IST eine Großraum-Disse, macht aber trotzdem ne gute Figur. Lasershow, CO2 Kanonen, Auf-die-12-Basstürme… alles da. Die beste Nacht ist gleichzeitig die Härteste. Italiens Superstar Marco Carola lädt zu „Music On“ und feuert aus allen Rohren. Techno für 50€ und haufenweise Typen auf der Tanzfläche mit schnellen Fingern. Also Geldbeutel zu Hause lassen und immer eine Hand am Handy.

Privilege. War ich vor zig Jahren, ist heute nicht mehr meins. Ein Klassiker, aber ein runtergekommener Klassiker. Wenn man die Deko ausblendet (die Qualität variiert von Event zu Event dramatisch), hat das Privilege etwa so viel Charme wie eine Fischmarkthalle aus den 80ern. Da ist einfach der Lack ab. Ich glaube, die Bosse haben seit 30 Jahren nur noch rausgeholt und nichts mehr reingesteckt. Ist ihr gutes Recht wenn es genug Dumme gibt, die mitziehen. Ich habe Freunde, die 40 Euro hingeblättert haben um sich zwischen aufgeblasenen Piratenschiffen und SpongeBobs wieder zu finden. 

DC10. Legendär, undergroundig und wahrscheinlich der Laden, der die berüchtigtsten Partys der Insel geschmissen hat. Die Hüter von Recht und Gesetz haben den Laden immer mal wieder dicht gemacht. Aber seit 20-10 ist auch wieder DC-10. Eintritt und Getränkepreise sind auf dem Boden geblieben. Heutige Superstars wie Loco Dice und Luciano schulden dem ehemaligen Flugzeughangar ihre Weltkarriere. Hier begann vieles von dem, was der Insel gut getan hat. Auch ohne Laser oder VIP Area. Wenn Ihr voll einsteigen wollt, nehmt den Montagnachmittag mit. „Circoloco“ beginnt um 16.30Uhr. Tickets am besten vorher am Playa d’en Bossa sichern und mit dem Taxi für knapp 12 Euro rüber gondeln. An sehr viel mehr werdet Ihr euch nicht erinnern können wenn viele Stunden später die Sonne wieder aufgeht. Es ist dann vermutlich Dienstag. Oder doch schon Mittwoch.

"An sehr viel mehr werdet Ihr euch nicht erinnern können, und es ist dann vermutlich Dienstag. Oder Mittwoch."

Last but not least ein Edelschuppen am Hafen. Ein alter Freund, Jean Claude Ades, hat dort viele Jahre gespielt. Ich bin also voreingenommen. Aber immerhin lautete eines der Statements meiner Freunde, die zum ersten Mal dort waren: „Der schönste Club, den ich jemals gesehen habe“. Das LIO im Marina ist vor allem ein Restaurant mit begleitender Varieté-Show und anschliessendem Clubbing. Die Preise sind überdurchschnittlich (manche sagen gar obszön), die unverstellte Aussicht über den Hafen auf die Altstadt unbezahlbar und das Interieur erstklassig. Wer dort isst, zahlt keinen Eintritt. Wer aber nicht isst, auch keine Reservierung hat, nach Mitternacht kommt und nur zum Feiern rein will, blecht unverschämte 70€ an der Tür. Ein fettes Minus, dass ich dem Laden zuschreiben muss. Ansonsten ist das LIO ein kleines Meisterwerk der ibizenkischen Clubkultur. Klein, fein und anders.

Eine Sache noch: einige Bars, Restaurants und Café im alten Hafenviertel unterhalten hervorragende Kontakte zu den großen Clubs. Sprecht mit den Barkeepern. Oft ist ein Platz auf der Gästeliste drin, wenn ihr den Leuten sympathisch seid. Und das spart Unmengen an Kohle. Ein Tipp, den ich geben kann, ist die pink ausgeleuchtet Bar mit zwei gegenübergestellten „2ern“ im Logo, auf dem wenige Quadratmeter großen Platz, etwa auf der Hälfte der Calle de la Mare de Déu. Die Bedienungen sind hervorragend vernetzt und helfen gerne. Also traut Euch. Und vielleicht sehen wir uns am Ende der Saison dort. Oder nächstes Jahr. Denn Ibiza ist die Geliebte, die ewig jung bleibt. Der Jackpot für alle, die nie aufhören wollen zu tanzen. Ein kleines Fleckchen westlich vom viel zu deutschen Mallorca. Ein Ort mit einer Million Versprechen und Träumen. Truly yours, Miststück.