California Dreamin'


Kalifornien & Nevada

Es sind nur etwa 3 Meilen vom Las Vegas Strip zum McCarran International Airport aber wenn man die Nacht durchgemacht hat, die Morgensonne tief steht und das Taxi keine Klimaanlage hat, ist das alles in allem eine recht zähe Angelegenheit. Außerdem stecken wir im Berufsverkehr fest. Egal, bis zum Rückflug ist noch massig Zeit, ich habe ausnahmsweise mal etwas mehr eingeplant. In den USA weiß man nie. Internationale Flüge seit dem 11. September und so. Also quatsche ich ich den jungen Kerl am Steuer an. Mitte zwanzig. Höchstens. Und stimmlich sehr talentiert. Wer um diese Zeit einem Backstreet Boys Klassiker, der gerade leise im Radio läuft, eine zweite Stimme gibt, und zwar so perfekt, dass man ihn als sechstes Bandenmitglied auf Tournee schicken könnte, der hat eine Geschichte. Meine Antennen sind zwar noch etwas betäubt nach diesem Grande Vegas Finale aber als Radiomacher hört man selbst im Wachkoma wer was kann und wer nicht. Und der Bursche kann was. Also spreche ich ihn an.

"Ein mittelloser Schauspieler aus der Stadt der Engel,
der in der Stadt der Sünde um’s Überleben kämpft"

Sein Name ist Josh, er kommt eigentlich aus Los Angeles und ist Schauspieler. Aber das sei da ja fast jeder. Und davon leben könne er nicht. Also habe er sich für ein paar Wochen nach Nevada verabschiedet. Seine Tante lebt hier, er kenne die Stadt gut und Vegas an Ostern biete ne Menge Jobs, Taxifahren sei einer davon. Jetzt bin ich hellwach. Ein mittelloser Schauspieler aus der Stadt der Engel, der in der Stadt der Sünde um’s Überleben kämpft. Was für eine Schlagzeile. Die behalte ich aber erstmal für mich und frage ihn nach seinen Chancen in Hollywood. Da war ich ja auch noch vor ein paar Tagen. Und für einen Deutschen ist der Ort, an dem all die Filme entstehen die wir so sehr lieben voller Geheimnisse, die einen neugierigen Journalisten aus Bayern natürlich magisch anziehen.

Das Geschäft sei hart, sagt er. Manchmal werde er wochenlang auf kein Casting eingeladen, manchmal kämen gleich mehrere Anfragen an einem Tag rein. Dann müsse man schnell sein. Es gäbe keine Terminvorschläge aus denen man sich einen aussuchen dürfe. Entweder man sei pünktlich zum festgelegten Zeitpunkt vor Ort – oder raus. Ein große Rolle habe er noch gespielt aber dafür ein paar kleine. Dazu kämen Werbespots, Theaterauftritte, private Buchungen für Partys und Nebenjobs wie Taxi fahren, in Bars bedienen oder mal eine Topline für einen Musikproduzenten einsingen. Klar. Die Schere in Hollywood ist riesig. Es gibt, wie in fast jeder anderen Branche auch ein paar wenige, die obszöne Gagen kassieren und im Gegenzug dazu eine anonyme Masse an Arbeiterinnen und Arbeitern, die für einen Hungerlohn an ihren Träumen festhalten. Was im verrückten, amerikanischen Filmgeschäft aber noch hinzu komme, erklärt mir Josh, seien die „Extras“ für die Stars. Ich tippe auf gesponserte Autos, Einladungen zu exklusiven Yacht-Partys, Designerklamotten für rote Teppich Auftritte und so weiter. Worüber man eben auch im deutschen Fernsehen berichtet wenn es um das Glamour Leben der Hollywood Prominenz geht. Aber Josh schüttelt den Kopf. Da sei das übliche Hofieren, Goodie-Bags von Labels, die darauf spekulieren, dass mal ein Facebook Post dabei rausspringt. Die viel lukrativeren Nebenjobs für Leo di Caprio, Rihanna oder Anne Hathaway ergeben sich im Nachtleben und spielen sich weitestgehend unter dem Radar ab. Denn Clubs, Bars und Restaurants zahlen oft Unsummen dafür, dass ein Promi bei ihnen isst, trinkt und feiert. Ich frage ihn ob das ein Scherz sei. 25tausend Dollar dafür, dass Miley Cyrus und ihre Entourage für eine halbe Stunde irgendwo aufschlagen um ein paar Drinks zu kippen, ein paar Fotos von sich machen zu lassen und dann weiter ziehen? Josh grinst weil ich für ihn offenbar hinterm Mond lebe.

"Any Promotion is good Promotion"

Das Business, und von nichts anderem reden wir hier, funktioniert folgendermaßen: Der Star muss gesehen, fotografiert und kommuniziert werden um im Spiel zu bleiben. Any Promotion is good Promotion. Selbst Alkoholexzesse, die keine waren, werden bewusst inszeniert um eine Schlagzeile zu generieren. Denn wer nicht in den Magazinen stattfindet, findet auch irgendwann nicht mehr in den Blockbustern statt. Menschen sind einfach gestrickt. Die Yellowpress-gierige  Filmboss-Assistentin bringt zum Kaffee auch gerne mal eine Anekdote mit ins Besprechungszimmer. Und „Zack“ ist der Star im Kopf des Entscheiders.

Aber was springt für die zahlenden Restaurants, Clubs und Bars raus, frage ich Josh? Naja, sagt er, die werden plötzlich zu Hotspots. Und weil Scheisse nunmal nach unten fließt, wird mehrfach Kasse gemacht. Erst mit der B-Prominenz aus der zweiten Reihe, die da feiern will, wo die A-List feiert. Dann folgen die Hollywood-Bürohengste, die sich unters gleichgesinnte Volk mischen und aus Mangel an eigener Prominenz weit über ihr Budget hinaus die Champagner-Korken knallen lassen um auf Prostituierte hereinzufallen, die sich als ehrgeizige Jungschauspielerinnen ausgegeben haben. Und am Ende der Nahrungskette kommen dann noch die Touristen weil ihnen auf Instagram gezielt die „Star XY feiert im Club XY“ Meldung ausgespielt wurde. Nur ist die Hollywood Prominenz da schon längst weiter gezogen um im nächsten Laden Kasse zu machen.

"Ein Mythos, der wohl immer ein Mythos bleiben wird.
Hinter den hohen Hecken der Hollywood Hills"

Wir sind fast da, Josh setzt den Blinker und geht vom Gas. Während ich sein Taxigeld um einen satten Bonus aufrunde (der Mann hat schließlich sowas von abgeliefert während dieser 30 Minuten vom Strip an den Flughafen) geht mir eine letzte Frage durch den Kopf. Feiern diese Menschen, die den halben Planten auf Kinoleinwänden unterhalten, überhaupt privat? Oder ist das immer ein Geschäft? Josh lächelt vielsagend. Na klar feiern die, sagt er. Aber auf diesen Partys schieß keiner Fotos. Ein Mythos, der wohl immer ein Mythos bleiben wird – hinter den hohen Hecken der Hollywood Hills.          

Ich habe die Begegnung mit Josh ganz bewusst an den Anfang meiner Kalifornien/Nevada Reportage gesetzt weil sie sinnbildlich für diese Reise ist. Der „sunshine state“ und die glitzernde Wüstenmetropole sind voller Schatten. Und um die soll es hier gehen. Die Realität jenseits der Postkarten-Perfektion, die Jahr für Jahr Millionen Menschen aus der ganzen Welt an die Westküste der USA lockt. Ich bin selbst drauf reingefallen – und habe es genossen. Wie der Judas aus „Matrix“, der die Scheinwelt der Wahrheit vorzieht. Aber als Journalist ist man der Wahrheit verpflichtet. Und die kann auch äußerst unterhaltsam sein. Samstagabend in Vegas, exakt zwei Wochen bevor ich in Josh’s Taxi steige, will ich „sin city“ auf Sünde testen. Was soll schon schief gehen? Ich bin DJ, kenne die Sprache von Türstehern, Barkeeperinnen und Nachtschwärmern. Ich habe mich sogar in Bangkok zurecht gefunden – und Bangkok ist ein Monster. Wer schon mal dort war, weiß wovon ich rede. Denn nicht jeder, der rein findet, findet auch wieder raus. Dagegen sollte Vegas ein Klacks sein. Ist es aber nicht. Der Club, der mir empfohlen wurde, ist zwar offen aber die Schlange an der Tür endlos. Und vor allem: Es tut sich rein gar nichts. Die Leute stehen an und keiner kommt rein. Komischerweise beschwert sich aber auch niemand. Man unterhält sich, glotzt in Handys, hält sich gegenseitig den Platz frei wenn jemand auf’s Klo muss und wartet auf eine Gemütsregung des Türstehers, der aussieht wie ein Secret Service Agent. Schwarze Ray-Ban, Knopf im Ohr. Mundwinkel kerzengrade wie mit dem Lineal gezogen.

"Der Türsteher sieht aus wie ein Secret Service Agent.
Schwarze Ray-Ban, Knopf im Ohr.
Mundwinkel kerzengrade wie mit dem Lineal gezogen"

Aus fünfzehn Minuten wird eine halbe Stunde und ich habe die Faxen dicke. Also frag’ ich den Clubtür-Bewacher mit dem schlecht sitzenden Anzug und den abgewetzten Lederimitat Schuhen unverblümt wann hier endlich mal was vorangeht. Und ob irgendjemand in dieser Schlange überhaupt in Frage käme, den Laden mit seiner Anwesenheit zu beglücken. Er antwortet: „Club’s full. You need to wait, Sir“. Kann ich mir kaum vorstellen. Es ist noch nicht mal 23 Uhr. Um die Zeit geht man auf Ibiza essen. Ich haue ein Gruppe Mädels an, die jeder Laden der Welt mit Handkuss nehmen würde, schon allein deshalb weil die männlichen Gäste im Gockel-Modus sofort alle Drinks zahlen. Von Jessica erfahre ich, dass das Ganze ein Trick ist. Der Club sei natürlich noch leer. Aber die Menschenmenge davor vermittle den Eindruck, dass es der „hot shit“ am Strip sei. Erst wenn die Schlange lang genug sei, würde man uns tröpfchenweise rein lassen. Das dauere manchmal bis zu eineinhalb Stunden. Was für ein Zirkus, denke ich mir und ziehe weiter. Was sich als Glücksfall erweist denn keine zehn Minuten später finde ich mich in einer kleinen gemütlichen Bar im Cosmopolitan Hotel wieder. Es ist der Name an der mächtigen dunkelvioletten Tür, der mich triggert: „Rose.Rabbit.Lie“. Wenn man es stumpf übersetzt heißt es „Rosafarbenes Lügen-Kaninchen“. Skurriler geht’s nicht. Also nix wie rein. Der Laden ist eine Mischung aus Bar, Restaurant und Kabarett. Entweder ein Kellner bringt Drinks oder ein Travestie Künstler tanzt auf deinem Tisch. Genau das, was ich gesucht habe. Ein Abenteuer, welches, wie ich gleich feststellen werde, noch richtig Fahrt aufnimmt.

"Ein Club, der „Rosafarbenes Lügen-Kaninchen“ heißt.
Skurriler geht’s nicht. Also nix wie rein."

Nach dem zweiten Whiskey Sauer (und ich vermute mal genau darauf hat die Belegschaft des Kaninchenbaus gewartet) kommt ein Kleinwüchsiger im Zirkusdompteur-Kostüm an meinen Tisch und überreicht mir eine Spielkarte. Ob ich bereit sei ihm zu folgen, will er wissen. Was für eine Frage. Klar will ich. Also führt er mich, zusammen mit zwei anderen „Freiwilligen“ hinter eine Tür, die mir vorher so noch gar nicht aufgefallen ist. Dahinter ein Raum, der aussieht wie eines der Turmzimmer auf Hogwarts. Man erklärt uns, es handle sich um eine Rückführung in die dunklen Zeiten diese Stadt. Als Schurken, Gaukler und allerlei fahrendes Volk Las Vegas bevölkerten und ein furchtbares Feuer so manches Geheimnis für immer unter sich begrub. Wir bekommen Augenbinden verpasst und tauchen ein in dieses Märchen, dass wir zwar blind aber dafür intensiv mit Nase und Ohren erleben. Was übrigens überwältigend sein kann. Wenn dir jemand von Feuer erzählt und du riechst den Brand, hörst das Lodern der Flammen… Oder das Klick-Geräusch wenn die Patrone in den Lauf einer Pistole gedrückt wird und wenige Sekunden später spürst du den kalten Stahl an deiner Schläfe… Mich hat’s für einen Moment echt fertig gemacht. Aber, und das muss man Las Vegas lassen, Unterhaltung können sie. Ich habe mir auch noch „Cirque du Soleil“ Shows angesehen, die einem für den Moment den Atem rauben, so spektakulär wie sie sind. Aber darüber gibt es genug Reviews im Netz. Meine erspare ich euch. Also lasst uns weiterziehen. Nach Los Angeles und San Diego.

"Die Supermans, Wonder Womans, Hulks und Leia Skywalkers
verwandeln sich in Zombies, immer eine Hand an der Flasche

Der Hollywood „Walk of Fame“ geht morgens auch gerne mal als „Walk of Shame“ durch. Wenn die XXL Putzfahrzeuge (in Amerika ist ja alles zwei Nummer größer als bei uns) noch nicht durchgewischt haben, finden sich die Spuren der Nacht auf dem berühmten Sterne-Strip, der, wenn man genau hinsieht, sehr viel unglamouröser ist, als man das aus den Reiseführern kennt. Was die nämlich verschweigen ist die stetig wachsende Armut der Stadt. Amerika und damit auch Kalifornien, einer der produktivsten und reichsten Orte der Erde, kämpfen mit der Arm/Reich Schere. Das Sozialsystem ist hier weniger fürsorglich als wir das kennen. Menschen, die ihr Einkommen verlieren, sitzen innerhalb weniger Wochen auf der Straße. Mieten müssen nicht selten wöchentlich bezahlt werden. Wenn eine ausbleibt, muss man ausziehen. Mieterschutz findet nur rudimentär statt. In den immer teurer werdenden Metropolen herrscht eine „pay cash or go home“ Mentalität. Nur: Wohin, wenn man kein „home“ mehr hat? Die Menschen in Los Angeles, die durch dieses Raster fallen, finden sich teils hier wieder. Auf Straßen, die von Touristen bevölkert werden, bauen sie ihre Zelte auf. Wo nämlich Touristen mit ihren Kameras und Handys auf- und ab flanieren, schickt die Stadt sicher kein Aufräumkommando. Sie verkleiden sich als Darth Vader oder Superman, lassen sich für einen Dollar mit Kindern fotografieren und retten sich so über den Tag. Oder eben in die Nacht. Wenn den Hollywood Boulevard, wo übrigens auch jedes Jahr die Oscars stattfinden, nur noch künstliche Lichter erhellen und die Schatten länger werden, riecht es penetrant nach Alkohol, Gras oder im worst case Crack. Die Supermans, Wonder Womans, Hulks und Leia Skywalkers verwandeln sich in Zombies, immer eine Hand an Flasche oder Pfeife.

Am Venice Beach spielt sich dasselbe in grün ab. Sogar noch „grüner” als in Hollywood wenn ihr versteht was ich meine. Ich frage mich, wie ich den überwältigenden Geruch von Marihuana meiner kleinen Tochter erklären würde, hätte ich eine. Ich glaube, ich würde ihr die Wahrheit sagen. Das Los Angeles für viele Menschen von einer Traum- zu einer Alptraumfabrik wurde und sie auf diesem Wege der Realität entfliehen wollen. Ich entscheide mich gegen einen Joint und für eine 500 Gramm Packung Erdnussbutter Popcorns. Die kleben immer noch bis Santa Monica und Malibu an meinen Fingern.

"Malibu Beach VIP Security.
Protecting your home descreet"

Malibu hat, ähnlich wie Hollywood, diese magische Anziehungskraft auf Europäer. Zumindest Europäer meiner Generation, die mit „Baywatch“, Pamela Anderson und David Hasselhoff groß geworden sind. Ich will diesen Ort spüren. Ich will wissen, ob Besucher hier auf Fernseh-Marketing reinfallen oder der Pazifik doch an ein besonderes Ufer brandet. Erst mal muss ich feststellen, dass es gar nicht so einfach ist an diesen Strand zu kommen. Denn zwischen Straße und Meer haben die Reichen ihre Bunker ohne Durchgänge aufgebaut. Weil es offenbar in den USA keine Vorgaben gibt beim Hausbau, zumindest was eine gewisse Homogenität im Design betrifft, sieht es aus wie Kraut und Rüben. Und überall Security Schilder, die darauf hinweisen, dass man Bitteschön keine Fotos von den Herbergen machen soll. Nur Ozean und verwaiste Rettungsschwimmer-Buden im Sucher sind erlaubt. Vor mir stapft ein 2 Meter Hüne von Wachmann durch den nassen Sand. Ich frage ihn höflich, ob denn die Herrin der rosa angestrichenen Villa, auf die er hier aufzupassen scheint, zu Hause sei. Der Mann ist erfreut über die Abwechslung und wir kommen in’s Gespräch. Malibu sei ein toter Ort, sagt Jeffrey nach ein wenig Small Talk über’s Wetter und die Arbeitslosigkeit. Die millionenschweren Villen stünden oft über Monate leer. In manchen Domizilen habe er noch nie jemanden gesehen. Er passe auch nicht auf ein Haus auf sondern im Grunde auf alle, die seinem Abschnitt von etwa 2 Meilen zugeordnet sind. Heute habe er Tagschicht, da kämen wenigstens ab und an ein paar Touristen vorbei. Aber wenn er hier nachts arbeiteten müsse, sei er oft sehr einsam. Aber ein Job ist ein Job, fügt er hinzu. Ob ich ihn fotografieren dürfe, frage ich. Er winkt höflich ab und zeigt auf das kleine Schild an seinem Revers: „Malibu Beach VIP Security. Protecting your home descreet“.        

"Das Eis zwischen uns ist schnell gebrochen, das Eis im Whiskey Glas,
dass er mir hinstellt, schwimmt einladend von links nach rechts"

Meine letzte Nacht in LA zeigt, wie viele Parallelwelten es in Amerika und vermutlich auch an anderen Orten mit Millionenmetropolen gibt. Eine Parallelwert, die (wie Jeffrey) ungern fotografiert werden möchte, weil es sie offiziell gar nicht gibt. To make a long story short: Ich stromere den Sunset Boulevard entlang auf der Suche nach Unterhaltung und lande im „Rainbow“. Kennt man aus der Musikpresse, war schon in den 70ern eine legendäre Sauf- und Groupiebude für Rockstars. Alle haben sie hier gefeiert: Alice Cooper, Elton John, Led Zeppelin, Kiss, Guns N’ Roses und Billy Idol. An diesem Abend ist es ruhig, ich setze mich mittig an die Bar und warte ab. Es dauert nicht lange, da platziert sich ein langhaariger Mexikaner Mitte, Ende 50 mit seiner Begleiterin neben mir. Weil ich mit meinem Strandshirt und dem Popper-Haarschnitt so gar nicht in dieses Etablissement passe, quatscht er mich an. Das Eis zwischen uns ist schnell gebrochen, das Eis im Whiskey Glas, dass er mir hinstellt, schwimmt einladend von links nach rechts. Ein letzter Abend in der Stadt der Engel dürfe nicht so armselig zu Ende gehen, grinst er. Was ich von einem Ausflug in die Stadt der Teufel halten würde? Ich schlage ein und ein paar Minuten später sitzen wir in einem UBER Taxi, für mich das erste Mal, in Deutschland kennt man das noch nicht. Der Fahrer bringt uns in eine Wohngegend, keine Teufel oder sonst was zu sehen. So langsam werde ich nervös. Am Ende hat der Kerl mir was in’s Glas gekippt, ich lande betäubt auf dem OP Tisch der mexikanischen Organmafia und reise morgen nur noch mit einer Niere nach San Diego weiter. Aber Carlos’ Begleiterin grinst die ganze Zeit also wird’s so schlimm schon nicht werden. Wir kommen an eine verlassene Haustür. Kein Licht, nichts zu hören, scheint verlassen zu sein. Der Mexikaner, der im Halbdunkel aussieht wie der Türsteher aus Quentin Tarantinos’ „From dusk till dawn“ klopft ein Morsezeichen gegen das massive Holz und wenige Sekunden später öffnet sich ein Spalt. Echt Leute, wie in einem Gangster Film! Auf der anderen Seite steht ebenfalls ein Kerl. Typ grobschlächtiger Ex Navi Seal. Der winkt uns nach einer leisen Begrüßung rein und schickt uns die Treppen runter.  Im Keller dann also die Parallelwelt. Mitten unter der Woche, ich glaube es ist Dienstag, tummeln sich in einem Hobbyraum an die fünfzig Leute. Es gibt eine provisorische Bar, ein Klo bei dem die Tür immer einen Spalt offen steht und eine Garderoben Frau, die Jacken entgegennimmt und im Gegenzug Drogen verkauft. Ein DJ spielt ziemlich deepen House, ein Kartentrickspieler zieht von Tisch zu Tisch und ein junges Mädel, die offenbar schon deutlich über ihrer Toleranzschwelle konsumiert hat, zeigt wie man mit einer Hand hinter dem Rücken in Rekordzeit einen BH öffnet und wieder schließt. Es ist eine Underground Vampir-Convention bei der ich jede Sekunde damit rechne, dass Wesley Snipes aka „Blade“ reinschneit und den Laden auseinandernimmt. Könnte sein, wir sind schließlich in Hollywood.

"Es ist eine Underground Vampir-Convention bei der ich
jede Sekunde damit rechne, dass Wesley Snipes reinschneit"

Meine zwei Tage in San Diego und die Rückfahrt nach Vegas, inklusive Helikopter Flug durch den Grand Canyon, waren vor allem eins: Erholsam. Ein vegetarisches Barbecue am Coronado Ferry Landing und wunderbare Stunden an einem der schönsten Strände der Westküste: Dem Swami’s State Beach in Encinitas. Es gibt da einen Typen, der selbstgemachtes Eis in den verrücktesten Geschmackssorten verkauft. Ich habe „spicy sausage“ probiert. Widerlich. Aber ihm zuliebe habe ich es gegessen. Solltet ihr zufällig auf ihn treffen sagt, ihr habt eine Laktose Intoleranz. Alles andere wäre blanker Selbstmord. Außer ihr seid Geschmacks-Masochisten. Und auch wenn’s teuer und scheisse für die Umwelt ist: Gönnt euch auf dem Weg nach Las Vegas diesen Helikopter Flug durch den Grand Canyon. Kann man mit Worten nur schwer beschreiben, muss man gemacht haben wenn man vor Ort ist. Over and Out.  Ich muss Josh’s Taxi kriegen 😉